4-3 _chelmon_rostratusIch muss den Fisch haben, und zwar dringend! Also drehe ich die Falle um. Aber nein: Der Chelmon schlägt einen Haken und steht wieder am falschen Ende! Langsam platzt mir der Kragen...



Ärgerlich! Ich muss rasch einen Chelmon rostratus, einen Kupferband-Pinzettfisch, aus einem Aquarium fangen, um mit ihm in einem anderen Becken das Partner-Erkennen zu demonstrieren. Die Plexiglas-Falle ist aufgestellt, jeder Fisch war früher schon mal drin, auch der Chelmon, mehrfach sogar, sie kennen die Falle also durchweg. Ich gebe jetzt leckeres Köderfutter hinein, und der Chelmon steht zufällig am falschen Ende, an der geschlossenen Rückwand, hat das Futter direkt vor der Schnauze, giert mit vorquellenden Augen danach, aber dass er den kleinen Umweg zur Vorderseite nimmt, etwa 20 cm weit, das ist nicht drin. Fünf andere Fische schlagen sich gerade den Bauch voll: Ein Tangfeilenfisch, zwei Krugfische, der Aldabra-Zwergbarsch und sogar ein Schnepfenmesserfisch schaffen es locker, und der Chelmon fiebert der schwindenden Beute nach. Nichts geht da, solange er seine Mysis knapp vor Augen bzw. der Schnauze hat. Eher verbiegt er seinen Rüssel, so, wie er gegen das Plexiglas tobt, um dranzukommen. Er demonstriert mir – wieder einmal überdeutlich – dass er des so genannten „Umwegverhaltens“ nicht fähig ist.

Es ist in seinem Verhaltensrepertoire nicht vorgesehen, und dass er etwas von anderen lernt, sowieso nicht, denn das „Lernen durch Nachahmung“ beherrschen tatsächlich nur einige Doktor- und Kaiserfisch-Arten, sonst niemand in der Fischwelt, nicht einmal Haie! Ein solches Umwegverhalten bringen auf Anhieb übrigens nicht einmal Hunde zustande: Wenn man ihnen eine Wurst hinter einem Gitterzaun zeigt, vergessen sie schlagartig, dass das Tor, das sie normalerweise benutzen, 20 m weiter seitlich ist, und versuchen, durchs Gitter an die Wurst zu kommen. Dagegen: Chamäleons können das, auch einige Eulen- und Kauzarten, etwa der Sperlingskauz. Das haben sie im Genom fest einprogrammiert, müssen es also nicht erst lernen, und das ist gut so, denn sonst wären sie allesamt längst verhungert. Ein Sperlingskauz weiß eben, dass die Maus, die gerade hinter einem Wurzelstock verschwunden ist, am andern Ende wieder rauskommt, und genau dort wartet er. Der Chelmon weiß von alledem absolut nichts, und er muss es auch nicht, weil er sich nur an sichtbarer Beute orientiert. Die Bewältigung einer Plexiglas-Barriere ist in seinem Genom eben nicht vorgesehen, man darf also die Lösung solcher Denksportaufgaben von ihm erst gar nicht erwarten.

Ich muss aber den Fisch haben, und zwar dringend! Also drehe ich die Falle um. Aber nein: Der Chelmon schlägt einen Haken und steht wieder am falschen Ende! Langsam platzt mir der Kragen – tief durchatmen, keine Hektik; mit einer langen Futterpinzette dirigiere ich ihn zur offenen Türe – na endlich! Angesichts der Mysis-Reste in der Falle wird er drin bleiben, bis er alles aufgefuttert hat, man könnte also die Falltüre ruhig offenlassen. Er lässt sich auch nicht vom eilig durchgeführten Transport zum anderen Aquarium stören, solange ihm das Wasser nicht ausgeht. Dann darf er zu seinem Kollegen, von dem er zwei Monate getrennt war. Sie kennen einander gut, aber er hat offenbar völlig vergessen, dass dieses „Besuchs“-Aquarium als flaches „L“ gebaut ist; die Frontscheibe ist gewinkelt. Mein Neu-Eingesetzter fegt also zehn Minuten entlang der Kante auf und ab, als wäre dies ein unüberwindbares Hindernis, und der andere flankiert ihn, denn er hat den Scheibenknick natürlich seit Jahren geübt. Ihn beginnt die Hysterie des anderen zu stören, denn der verhält sich nicht so, wie er sollte. Langsam beginnt er, zu imponieren und blockiert den desorientierten Hysteriker, bekommt die sattsam bekannte Tropfenform mit steiler Rückenflossenkante, sein dunkles Scheinauge wird riesengroß. Gott sei Dank, der Hysteriker versteht das, entschuldigt sich, indem er rasch die Farbe wechselt und ein türkisfarbenes Scheinauge präsentiert, und beide ziehen sich einträchtig ins Dickicht zurück. Das hätte schief gehen können! Chelmons, die auf bestimmte Auslöser des Artgenossen falsch antworten, provozieren Aggressivität. Und ist einmal die Aggressions-Spirale angelaufen, dann fällt es gerade dieser Fischart schwer, wieder zur Normalität zurückzufinden. Chelmons sind, wie alle extremen Spezialisten, „Instinkttiere“; alles in ihrem normalen Umfeld ist reglementiert und kann schon durch die unerwartet veränderte Aquarienscheibe aus dem Ruder laufen. Sollte so was im Riff vorkommen, dann würde einer rasch das Weite suchen, aber im Riff kommen solche Situationen eben nicht vor. Wir wollen also lieber zum Ursprungs-Zitat zurückkehren: „Schwachheit, dein Name ist Weib“ (Hamlet, 1. Akt, 2. Szene). Und da kann der Chelmon nun wirklich nichts dafür.

Prof. Dr. Ellen Thaler

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