Mit den Pfeilschwanzkrebsen können wir im Aquarium Tiere pflegen, die uns einen Blick zurück in die Entwicklungsgeschichte ermöglichen, und zwar erheblich weiter als fast alle anderen lebenden Tierarten. von Daniel Knop

Zwei kleine, graue Augen blicken aus dem Sedimentboden, beobachten die Umgebung, nehmen alles wahr, was oberhalb von ihnen geschieht. Der Besitzer dieser Augen ist nicht zu erkennen, perfekt versteckt unter dem Sediment, das seinen Körper bedeckt und nahezu unsichtbar macht.  Schon vor 450 Millionen Jahren haben die Facettenaugen seiner Vorfahren aus dem Sedimentboden nach oben geschaut und ihre Räuber fixiert. Was sie einst sahen, darüber können wir nur mutmaßen. Wir nehmen an, dass sie z. B. von Seelilien und Ceratiten umgeben waren; Erstere sind festsitzende Vorläufer heutiger Stachelhäuter (Seeigel, Seesterne u. a.), Letztere hingegen gehäusetragende Schwimmschnecken, die zu den Kopffüßern zählen und die Vorläufer der Ammoniten darstellen, ebenfalls nur als Fossilien bekannt.



Pfeilschwanzkrebse haben erlebt, wie sich die Dinosaurier entwickelten. Zu diesem Zeitpunkt existierten sie bereits seit mehr als 150 Millionen Jahren in den Weltmeeren. Sie wurden Zeuge des Aufstiegs dieser Riesenechsen zu gewaltigen Räubern, die unter allen Landwirbeltieren bald an der Spitze der Nahrungskette standen, eine Entwicklung, die vor 235 Millionen Jahren begann. Und rund 170 Millionen Jahre später begleiteten Pfeilschwanzkrebse schließlich den Niedergang der Dinosaurier. Das ist inzwischen 65 Millionen Jahre her. Heute, im Computerzeitalter, gibt es sie noch immer, und weder ihr Aussehen hat sich wesentlich verändert noch ihre Lebensweise. Zum Vergleich: Wir Menschen blicken auf eine Entwicklungsgeschichte zurück, die gerade einmal ein paar hunderttausend Jahre lang ist. Selbst wenn wir großzügig sind und unseren Vorfahren Homo erectus hinzurechnen, kommen wir bestenfalls auf zweieinhalb Millionen Jahre – im Vergleich mit einem solchen Methusalem kaum der Rede wert.

Tierarten entwickeln sich von niederen zu höheren Formen, indem sie ihre Anpassung an die Anforderungen ihrer Umwelt fortwährend verbessern. Das gilt für fast alle Organismen und ist eines der Prinzipien der Evolution, wie wir seit Charles Darwin wissen. Doch kein Prinzip ohne Ausnahme, und der Pfeilschwanzkrebs ist eine solche Ausnahme. Während aus kleinen Reptilien im Lauf der Jahrmillionen riesige Dinosaurier wurden, einige Dinosaurier sich schließlich zu Vögeln entwickelten, von denen z. B. die Pinguine wieder zum Leben auf dem Boden übergingen, ihre Flügel zurückbildeten und sogar den Lebensraum Wasser für sich entdeckten – während sich also in anderen Tiergruppen im Lauf der Zeit dramatische Veränderungen vollzogen, blieben die Pfeilschwanzkrebse im Prinzip so, wie sie waren. Das müssen wir heute auf eine perfekte Anpassung an ihre ökologische Nische zurückführen, eine Adaption an die Erfordernisse ihres Lebensraums, die so genau passte, dass Weiterentwicklungen nicht überlebensnotwendig waren. Ein anderer Grund dürfte in der geringen Variabilität ihres Lebensraums liegen; während sich oberhalb des Bodens im Meer dramatische Veränderungen in der Tierwelt vollzogen, was bei nahezu jeder Art Anpassungen erforderte, blieben die Bedingungen im Sedimentboden der Ozeane weitgehend konstant. „Entwicklung“ in der Tierwelt ist schließlich kein Selbstzweck, sondern stets die Antwort auf veränderte Umgebungsbedingungen – sowohl der belebten als auch der unbelebten Natur. Darum konnten die Pfeilschwanzkrebse es sich offenbar leisten, ihre Gestalt nicht zu verändern.

Kurioserweise ist der Pfeilschwanzkrebs aber eigentlich gar kein Krebs, obgleich sein Name das glauben lässt. Die Pfeilschwanzkrebse bilden im Stamm Gliederfüßer (Arthropoda) die einzige noch lebende Familie (Limulidae) der Ordnung der Schwertschwänze (Xiphosura). Den Hauptanteil der Gliederfüßer stellen die Insekten (Insecta). Die Pfeilschwanzkrebse befinden sich im Unterstamm Kieferklauenträger (Chelicerata) und werden hier der Klasse Merostomata zugerechnet, einer Schwestergruppe der Spinnentiere (Arachnida). Krebse hingegen bilden einen eigenen Unterstamm: Crustacea. Die Pfeilschwanzkrebse sind also enger mit Spinnen verwandt als mit Krebsen.

Während der Sauerstofftransport im Blut von Wirbeltieren mithilfe von Eisen-Ionen vonstatten geht („Hämoglobin“) und das Blut durch das Eisen rot ist, setzen Pfeilschwanzkrebse ebenso wie viele andere Gliederfüßer (z. B. Krebse, Spinnen) und Weichtiere (Schnecken, Muscheln, Kopffüßer) dafür Kupfer-Ionen ein („Hämocyanin“). Ihr Blut ist darum blau.

Vielfach werden Pfeilschwanzkrebse als ausgesprochen seltene Tiere angesehen, doch das sind sie in den meisten ihrer Verbreitungsgebiete durchaus nicht. Der Grund für diese Annahme liegt vor allem in ihrer versteckten Lebensweise. Sucht man z. B. bei Long Island, New York (USA) den Strand ab, kann man an manchen Stellen regelmäßig hunderte angeschwemmter Exuvien finden, die Panzer, die bei der Häutung abgestreift wurden. Darunter befinden sich naturgemäß hauptsächlich kleinere Exemplare, denn in der Wachstumsphase häuten sie sich noch oft, später seltener und im hohen Alter gar nicht mehr, was sich dann an üppigem Aufwuchs durch Sekundärbesiedler zeigen kann. Gelegentlich sieht man jedoch auch größere mit gewaltigen Panzermaßen. Der Unterschied zwischen einer abgestreiften Exuvie und einem vollständigen, gestorbenen Tier ist sehr einfach am Gewicht zu erkennen, doch ein leerer Panzer verrät sich auch durch den Spalt an der Unterseite des Vorderrands. Durch diesen Spalt hat der Pfeilschwanzkrebs seine Hülle verlassen und ist nach vorn herausgeschlüpft, gewissermaßen „aus der Haut gefahren“. Einem verendeten Exemplar fehlt dieser Riss im Panzer natürlich.

Pfeilschwanzkrebse leben im Bodensediment tropischer und subtropischer Meere zwischen zehn und 40 m Tiefe. Ihr großer, hufeisenförmiger Panzer, der den Körper bedeckt, kann einschließlich des Schwanzes bis 60 cm lang werden. Die Form dieses Panzers hat ihnen im englischen Sprachraum zum Namen „horseshoe crab“ verholfen, auf Deutsch etwa „Hufeisenkrabbe“.

Zwar wirkt ihr Körper auf den ersten Blick wie der eines Krebses, doch bei genauem Hinsehen erkennt man Unterschiede: Zusätzlich zu den beiden Facettenaugen besitzen sie am vorderen Panzerrand zwei Punktaugen. Pfeilschwanzkrebse tragen am Vorderende die Mundwerkzeuge, die Kieferklauen (Cheliceren), und die Mundöffnung befindet sich als Längsspalt an der Bauchseite dicht am Ursprung der fünf Laufbeinpaare. Die vorderen vier dieser Laufbeinpaare tragen jeweils eine Schere, sodass das Tier praktisch auf seinen Scherenspitzen läuft. Das fünfte Beinpaar endet mit jeweils zwei Spitzen und wird als Schieberfußpaar bezeichnet. Es hinterlässt im weichen Bodensediment charakteristische Spuren, die bisweilen sogar in Form von Fossilien erhalten sind, wenn eine Sedimentpartie mitsamt ihrer reliefartigen Vertiefungen versteinerte. Unter dem Hinterleib der Pfeilschwanzkrebse befinden sich sechs Paar plattenförmiger Ruderfüße, mit denen sie auch kurze Schwimmstrecken bewältigen können. Der Hinterleib endet mit einem pfeilartigen „Schwanz“, dem Telson, das nach oben geklappt werden kann.

Die häufigste Art der Pfeilschwanzkrebse ist Limulus polyphemus. Bei Exemplaren, die im Aquaristikfachhandel auftauchen, dürfte es sich fast ausschließlich um diese Spezies handeln. Weitere sind Carcinoscorpius rotundicauda, Tachypleus tridentatus und T. gigas.

Prinzipiell ist die Aquarienpflege von Pfeilschwanzkrebsen nicht schwierig, denn sie sind recht robuste, wenig krankheitsanfällige Tiere. Allerdings benötigen sie unbedingt ein Aquarium, das ihren sehr speziellen Bedürfnissen Rechnung trägt. Eine Pflege in bodengrundfreien Glasbecken, wie sie bisweilen für wissenschaftliche Versuche durchgeführt wird, ist im Regelfall erfolglos und endet durch den Dauerstress schnell mit dem Tod der Tiere. Ein Pfeilschwanzkrebs muss die Möglichkeit haben, sich einzugraben und zu verstecken, und dazu ist eine ausreichend tiefe Schicht feinen Bodengrunds nötig. Allerdings muss es sich bei einem solchen Aquarium nicht unbedingt um ein Artenbecken handeln. Dr. Jochen Lohner pflegt in seinem Korallenriffaquarium seit mehreren Jahren einen Limulus polyphemus, dessen Carapax in dieser Zeit von ca. 30 mm auf ca. 70 mm herangewachsen ist.

Im natürlichen Lebensraum ernähren sich Pfeilschwanzkrebse in erster Linie von Mollusken, Ringelwürmern, Krebschen und anderen Wirbellosen, die sie im Bodensediment finden, sowie gelegentlich von kleinen Fischen. Im Aquarium haben sie sich dementsprechend als pragmatisch erwiesen und nehmen unterschiedlichste Arten von Nahrung an. Todd Gardner im öffentlichen Aquarium Atlantis Marine World in Long Island (NY, USA) pflegt Pfeilschwanzkrebse gern in Seepferdchen-Artenbecken, in denen sich ein ausreichend hoher Bodengrund befindet. Der Vorteil dieser Vergesellschaftung ist nach seiner Erfahrung, dass die Pfeilschwanzkrebse die Frostfutterreste der Seepferdchen vertilgen, bevor sie verderben und bei den Röhrenmäulern Darmstörungen verursachen können. Andererseits ist kaum zu befürchten, dass die Limulus den Seepferdchen gefährlich werden.

Der wesentliche Grund für den Pflegeerfolg von Dr. Jochen Lohner dürfte in dem Tiefsandbett liegen, das sich in diesem Becken befindet; eine rund 30 cm hohe Schicht feinsten Korallensands bedeckt die Bodenscheibe, und der Limulus taucht nur alle paar Tage auf und ist sonst im Sandbett verschwunden, irgendwo im Untergrund des Beckens unterwegs, ohne dass man von seiner Anwesenheit Notiz nimmt. Ganz plötzlich erscheint er dann aus dem Nichts auf der Bildfläche, sucht das Sediment nach Nahrung ab, wobei er sich durch das gesamte Aquarium bewegt, und irgendwann baggert er seine flache Schale wieder unter die Sedimente, was ihn innerhalb kürzester Zeit unsichtbar macht. Bisweilen kann man aber beim aufmerksamen Absuchen des Bodengrunds ein Augenpaar entdecken, das die Umgebung fest im Blick hat. Ebenso wie vor 450 Millionen Jahren …

Limulus-Amöbozyten-Lysattest

Seit den 1970er-Jahren werden Pfeilschwanzkrebse in der Humanmedizin für einen Labortest zum Nachweis fiebererregender (pyrogener) Stoffe verwendet: Der Limulus-Amöbozyten-Lysattest (LAL). Dabei misst man mithilfe der Gerinnung eines Lysates, das aus den Blutzellen des Pfeilschwanzkrebses gewonnen wird, die Menge fieberauslösender (pyrogener) Bakterien. Diese Verwendung birgt jedoch eine ethische Problematik, und zwar nicht unbedingt, weil den Tieren dafür ihr blaues Blut entnommen werden muss, sondern vor allem wegen der Art und Weise, in der dies bisweilen geschieht. Zwar kann man ihnen theoretisch einen Teil ihres Blutes entziehen, ohne ihnen zu schaden, doch das ist vielen nicht effektiv genug, weshalb sie die Tiere zu diesem Zweck töten, und zwar mitunter auf grausame Weise. In Japan presst man sie beispielsweise lebend aus, um das Lysat in maximaler Menge zu erhalten.

Literatur:

Knop, D. (2011): Experiment Mensch – Wird der Sieger über Seuchen und Säbelzahntiger zum Opfer der Überbevölkerung? – Natur und Tier - Verlag, Münster.
– (im Druck): Lexikon der Meeresaquaristik – Natur und Tier - Verlag, Münster.