Text und Fotos: Daniel Knop

Zahlreiche winzige, aber trotzdem absolut faszinierende Klein-Wirbellose gelangen mit Korallen in unsere Aquarien, enden jedoch rasch als Fischfutter. Was dagegen passieren kann, wenn man eine solche Lebensgemeinschaft aus Wirtskoralle und Kommensalen in ein fischfreies Artenbecken einbringt, zeigt der vorliegende Beitrag.

Eigentlich wollte ich nur meine Hornkorallen betrachten, im Detail, vor allem ganz genau erkennen, ob sie die feinen Nahrungspartikel aufnahmen oder nicht, die ich fünf bis zehn Mal täglich reichte. Ich war glücklich, neben meinen drei etablierten Filtrierergorgonien endlich auch eine Muricella plectana in dem fünfzehn Liter fassenden Artenbecken pflegen und beobachten zu können. Muricella plectana ist eine der beiden Gorgonienarten, auf denen im natürlichen Lebensraum die winzigen Pygmäenseepferdchen Hippocampus bargibanti leben. Unzählige Male hatte ich diese Gorgonienart in der Natur gesehen und auch die winzigen Röhrenmäuler darauf fotografiert. Nun hatte ich diese Korallenart bei Aquaristik Corner in Frankenthal erwerben können und sah sie vor mir. (Um der neugierigen Frage zuvorzukommen: Nein, Pygmäenseepferdchen konnte ich darauf leider nicht finden ...) Muricella plectana in meinem Gorgonien-Artenbecken – was für ein Fest!

Die übrigen drei Akteure in dem schmucklosen, kleinen Artenaquarium, das eigentlich nur aus einem geschlossenen Abteil des Filterbeckens bestand (siehe Kasten), waren meine zu mehr als 95 Prozent aquariengewachsene, stahlblaue Guaiagorgia anas, die aus einem wenige Zentimeter kleinen Ästchen zu einer ansehnlichen Gorgonie herangewachsen war (Knop 2015a), eine strahlend gelbe Menella, die trotz mehrerer abgetrennter Fragmente seit zwei Jahren wunderbar wuchs, sowie eine nicht bestimmte, ähnlich wirkende Hornkoralle mit ebenfalls rötlichen Ästen und honiggelben, etwas größeren Polypen.

Ich stand nun also vor dem Becken und betrachtete fasziniert meine Muricella, suchte nach offenen Polypen, die ihre Fangarme den winzigen Schwebefutterpartikeln entgegenstreckten, die ich regelmäßig reichte. Gelegentlich glaubte ich hier und da an den Korallenästen ein kleines Schleimfädchen zu erkennen, das in der Wasserströmung flatterte und aussah wie ein kleiner Fussel an einem Pullover. Ansonsten weit geöffnete, blutrote Muricella-Polypen auf den typischen Ästen, die weißliche Sklerite erkennen ließen. Insofern war, wie es schien, alles im Lot: Die Polypen gierten nach dem Schwebefutter, und ich hatte das optimistische (und trügerische) Gefühl, dass diese sehr schwierige und empfindliche Koralle sich ähnlich gut entwickeln könnte wie meine Menella und die von mir wirklich heiß geliebte blaue Guaiagorgia.

 

Turnende „Fusseln“

Irgendwann betrachtete ich einen der vielleicht fünf Millimeter langen Fusseln an der Muricella genauer, denn er schien mir irgendwie zuzuwinken! Ich sah genauer hin: Der Fussel bewegte sich tatsächlich rhythmisch, streckte und krümmte sich im Wechsel. Ich schaltete die Strömungspumpe ab und erwartete, dass dieses vermeintliche Schleimfädchen nun schlaff nach unten hängen würde. Tat es aber nicht, sondern es krümmte sich auch in dem völlig still stehenden Wasser emsig weiter, streckte sich, krümmte sich und so fort. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich sogar, dass es sich beim Krümmen gezielt einmal nach links und einmal nach rechts ausrichtete. Ein Fusselchen, das Leibesübungen machte? Unmöglich!

Es kam, wie es kommen musste: Ich baute das Kamerastativ mit Makro-Kreuzschlitten vor dem Becken auf und montierte die Kamera mit Lupenobjektiv. Eine große Filmleuchte – ein persönliches Geschenk vom Unterwasserfilmer Sigurd Tesche, das ich in Ehren halte – erhellte die Szenerie, und ich fertigte eine erste Videoaufnahme von dem turnenden Fussel an. Was ich dann aber auf dem Kameradisplay sah, verschlug mir den Atem, denn der kleine Fussel hatte zwei Arme, die er links und rechts von sich streckte, und einen Kopf, aus dem mich zwei rote Augen ansahen! Der schlanke, fast dürre Körper, der den winzigen Kopf trug, hielt sich mit mehreren Fußkrallen am Gorgonienast fest. Er krümmte sich unermüdlich und bog sich einmal nach links und einmal nach rechts, jeweils bis die „Ärmchen“ mit den Scheren am Ende den Untergrund berührten, die Sklerite der Gorgonie. Es wirkte fast, als würden sie dort irgendwelche Partikel aufnehmen oder zumindest mit den Kopftentakeln fühlen, ob dort Nahrhaftes klebte, das man erbeuten könnte. Nach jeweils einigen der Krümmungsbewegungen erkannte ich immer wieder sehr genau, wie die Scheren mit raschen Bewegungen die Kopftentakel abstreiften, die antennengleich ins Freie ragten. Während das Krebschen sich nach links oder rechts beugte, wurden diese Tentakel fortwährend durch das Wasser gezogen, und an ihnen schienen sich feinste Schwebepartikel anzulagern, die mit den Scheren abgestreift und zu den Mundwerkzeugen geführt wurden.

 

Den vollständigen Artikel finden Sie in Ausgabe 102